Leben in der Philippus-Gemeinde

Junge Gemeinde seit 1886

10Um die Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die ersten Evangelischen, vorwiegend Arbeiter mit ihren Familien, ins damals noch selbständige Bretzenheim. Eine „kirchliche Infrastruktur“ ihrer Konfession fanden sie im Dorf nicht vor. Wollten sie in die Kirche gehen oder ihre Kinder zum Konfirmandenunterricht schicken, dann mussten sie sich auf den Weg nach Mainz machen: St. Johannis war die einzige evangelische Kirche für die Stadt und die noch nicht eingemeindeten Dörfer ringsum. Erst im Jahr 1886 feierten ein Mainzer Pfarrer und einige der mittlerweile 300 evangelischen Christen den ersten evangelischen Gottesdienst in Bretzenheim – im Saal eines Wirtshauses.

Damit war ein Anfang gemacht. Noch im selben Jahr 1886 wurde die Ev. Kirchengemeinde Bretzenheim gegründet, und die vier Mitglieder des Kirchenvorstands nahmen ihre Arbeit auf, unterstützt vom zuständigen Pfarrer, der mittlerweile jeweils aus Mombach kam. Die wichtigste Aufgabe des Kirchenvorstands war es, Geld für einen eigenen Versammlungsort, einen Betsaal, zu beschaffen; an den Bau einer Kirche war bei den bescheidenen Verhältnissen gar nicht zu denken. Mit großer Hilfe von außen, namentlich des Gustav-Adolf- Vereins, wurde in der heutigen Pfarrer-Veller-Straße ein neugotischer roter Ziegelbau errichtet und 1893 eingeweiht: Der Betsaal. Vieles, was zur Ausstattung gehörte, wurde gespendet: So das Taufgeschirr, das die reiche Winzergemeinde Flomborn stiftete, und die Altarbibel, ein Geschenk der höheren Töchterschule in Köthen.

Siebzehn Jahre später, 1910, folgte der Bau des Pfarrhauses direkt nebenan in der Hochstraße. Nun konnte im Jahre 1915 die pfarramtliche Verbindung mit Mombach aufgehoben und in der Bretzenheimer Gemeinde endlich eine eigene Pfarrstelle errichtet werden. Erster Pfarrer wurde 1916, mitten im Ersten Weltkrieg und noch vom Großherzog von Hessen und bei Rhein ernannt, Karl Veller. – Die Entwicklung jener Zeit in Kirchen- und Kommunalgemeinde spiegelt sich in einem von der Landeskirche regelmäßig neu aufgelegten Buch, der offiziellen Beschreibung aller Kirchengemeinden.

Hier eine Synopse der Aussagen über Bretzenheim aus den Auflagen von 1900 und 1928:
Beschreibung der evangelischen Pfarreien des Großherzogtums Hessen nach pfarramtlichen, statistischen, sozialen, topographischen und historischen Gesichtspunkten auf Grund amtlicher Mitteilungen. Gießen 1900.
Nachtrag zur Beschreibung der evangelischen Pfarreien des Volksstaates Hessen nach pfarramtlichen, statistischen, sozialen und historischen Gesichtspunkten auf Grund amtlicher Mitteilungen. Gießen 1928.
523 Evangelische, 2548 Katholiken, 42 Israeliten, 11 Dissidenten
1521 Evangelische, 4045 Katholiken, 14 Adventisten, 10 Freireligiöse, 16 freie Dissidenten, 56 Konfessionslose, 30 Israeliten
Gottesdienst: 14.00 Uhr, jeden 4. Sonntag 9.30 Uhr; Abendmahl: 6; sommers Christenlehre
Gottesdienst 10.00 Uhr, alle 14 Tage 11.00 Uhr; Abendmahl: 5; sommers alle 14 Tage Katechismuslehre; jeden Donnerstag abend 8.00 Uhr winters Bibelstunde
Ev. Verein; Jungfrauen- und Frauenverein; Jünglingsverein; 30 Adventisten, die sehr rührig und nicht ohne Erfolg agitieren
Bethaus, 1893 erbaut; kein Pfarrhaus
Betsaal, 1922 erneuert, 200 Sitzplätze; Pfarrhaus, dem Betsaal gegenüber, 1910 erbaut, sehr ansehnlich, gesund und geräumig, in angenehmer Lage, Zentralheizung (Heißluft); Pflanzgarten mit Kirchbauplatz, ¾ Morgen
½ Stunde südwestlich von Mainz; Lokalbahn nach Mainz; Arzt am Ort; alle Lebensmittel am Ort; Landwirtschaft, Taglöhner und in Mainz beschäftigte Fabrikarbeiter; die ärmste Diasporagemeinde von Hessen; ohne Zuwendung von außen kann die Gemeinde nicht bestehen
elektrische Bahn 10 Minuten nach Mainz, 35 Minuten zu Fuß zum Hauptbahnhof; mit allen Nachbarpfarreien elektrische Verbindung; Postamt, 3 Ärzte, Zahn- und Tierarzt am Ort, 4 ev. Lehrer; alle Bedarfsartikel vor Ort; im rheinhessischen Hügelland, gesunde Lage; Wald 1 bzw. 3 Stunden; meist Arbeiter, Taglöhner und kleine Beamte. Die meisten Männer, Frauen und Mädchen arbeiten in Mainzer Fabriken und Geschäften, was man an den Sitten deutlich merken kann
Über die Anfänge des sogenannten „Dritten Reichs“ und die bewegten Jahre davor schweigt die Pfarrchronik, in der Regel wichtigste Quelle für das „Innenleben“ einer Gemeinde, leider ganz: Der Chronist, Pfarrer Veller, hat seine Eintragungen über die Jahre 1925 bis 1938 bei Kriegsende 1945 entfernt und vernichtet.

Nach dem Krieg war die Gemeinde zunächst ganz mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Doch setzte bereits in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhundert ein verstärkter Zuzug nach Bretzenheim ein, der die Gemeinde anwachsen ließ und allmählich in ihrer Zusammensetzung veränderte. Als sich schließlich Mitte der sechziger Jahre die Bebauung von Bretzenheim-Süd mit großen Wohneinheiten abzeichnete, war klar: Die Gemeinde würde sehr viel größer werden als bisher. So war der Kirchenvorstand nicht zum ersten Mal mit Baufragen beschäftigt. Man plante auf dem Gelände hinter dem Pfarrhaus ein regelrechtes Kirchenviertel mit Kirche, Kindergarten, zweitem Pfarrhaus, Mitarbeiterwohnungen, Gemeindezentrum und Diakoniestation. Realisiert wurde aus Kostengründen dann allerdings nur das 1973 eingeweihte Gemeindezentrum in der Hans-Böckler-Straße. Im Gegenzug trennte sich die Gemeinde vom Betsaal mitsamt seiner Einrichtung, was wohl den bis dahin tiefsten Einschnitt ihrer Geschichte bedeutete.

Heute leben ca. 4.200 evangelische Christen im Stadtteil Bretzenheim. Das Gemeindezentrum, nach den jüngsten Erweiterungen Bretzenheims nun in der geographischen Mitte des Ortes gelegen, wurde im Jahr 2001 um einen Glockenturm ergänzt. Die Gemeinde selbst definiert sich seit 1991 nicht nur über die Zuständigkeit für einen Stadtteil, sondern hat sich bewusst einen eigenen Namen gegeben: Ev. Philippus-Gemeinde Mainz-Bretzenheim.

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