Der Aufsatz ist die überarbeitete und erweiterte Fassung des Referats,
das Prof.H.Striffler im Bretzenheimer Forum im Oktober 2001 gehalten hat.
Der Artikel erscheint 2002 in der Festschrift
„200 Jahre evangelische Kirche in Mainz“

Gebäude sind – neben ihrer Alltagsnützlichkeit – Zeitzeugen. Die Zeugnishaftigkeit bezieht sich sowohl auf den Zeitpunkt ihrer Entstehung, als auch auf das Verhältnis zum aktuellen Nutzer. Auf diese Weise manifestiert sich Geschichte auch in Bauwerken. Sie bilden jeweils den räumlichen Rahmen zum Zeitgeschehen und werden so Teil der Ereignisse, zu Orten der Erfahrung. Die Koppelung zwischen Bauwerk und Ereignis vollzieht sich unmittelbar, und ihre Verschmelzung mit der dabei erwachsenden Erfahrung ist unauflöslich. Darüber hinaus aber verkörpern Bauwerke in oft programmatischer Weise die ursprünglich damit verbundenen Zielsetzungen oder Hoffnungen ihrer Bauherren. Sie offenbaren dabei unverstellt Vermögen und Mentalität derer, die am Werk waren, um Bauwillen zu vollziehen. Es wird ungewollt erfahrbar, ‚was Sache‘ war und ist. Hinzu kommt noch, daß Bauwerke, insbesondere jene, die wir ‚öffentlich‘ nennen, stets in einem gegebenen Umfeld entstehen, so daß daraus eine weitere Relation im Ortsbezug erwächst. Sie sind Bestandteil von Stadt und Gesellschaft. Solches Rollenspiel ist z.B. sehr ausgeprägt beim Gemeindezentrum für die Philippus-Gemeinde in Mainz-Bretzenheim gegeben und soll im Folgenden deutlich gemacht werden.

Umfeld für die evangelische Gemeinde Bretzenheim ist der Großraum Mainz im Rhein-Main-Gebiet, einem Schwerpunkt der bundesrepublikanischen Nachkriegs-entwicklung. Dies gilt sowohl in wirtschaftlicher wie in kultureller Hinsicht. Damit liegt die Stadt selbst aber auch im Spannungsfeld des dort überdurchschnittlich ausgeprägten Wettbewerbs mit den Nachbarstädten Frankfurt und Wiesbaden.

Exkurs: Das Prinzip Stadt am Beispiel Mainz

Mainz hatte als traditionsreicher Handelsplatz und befestigte Ansiedlung am Rhein eine von römischer Zeit an begründete wichtige Position. Eigenart und Entwicklung zur Stadt Mainz entfalteten sich über Jahrhunderte aus dem Selbstverständnis dieser Rolle, denn grundsätzlich stellt die bauliche Gestalt von Stadt jeweils Ausdruck der in ihr geltenden bzw. praktizierten gesellschaftlichen Ordnungen dar. Bildhaft umschrieben könnte man sagen, Stadt ist eine Art vielgliedriges Gefäß, durch die Menschengemeinschaft entwickelt, um ihr als Fassung angemessen zu dienen. Sie entsteht planvoll, übersetzt allerdings die ihr innewohnenden Regeln in eine Fassung aus Stein. Daraus erwächst die Tendenz erheblicher Dauer, d.h. ‚Stadt‘ wird architektonische Großform und schafft für ihre Bewohner einen stabilen Ortsbezug. ‚Stadt‘ ist prinzipiell, d.h. auch heute noch Schutzzone, Fluchtburg und Stützpunkt für ihre Bewohner. Der dramatisch beschleunigte Prozeß zur Verstädterung weltweit dokumentiert dies eindrücklich. Anthropologisch ist klargestellt:

„Architektur ist zusammen mit der Bekleidung eine elementare Notwendigkeit für das Überleben des Mängelwesens Mensch.“

(Adolf Max Vogt, ETH Zürich)

Änderungen in den Spielregeln der Ordnungen im Ablauf der Zeit bewirken jeweils – wenn auch nur ‚allmählich‘ – eine Anpassung ihrer baulichen Fassung. Stadt ist permanent in Veränderung begriffen.

Die systembedingte Langsamkeit dieses Veränderungsprozesses ist einerseits hinderlich für Korrekturen, andererseits auch Garant für die zur Vertrauensbildung ihrer Bürger in den ‚Ort‘ notwendige Kontinuität. Selbst die zu 80 % erfolgte Zerstörung der Stadt Mainz hat diese Wechselwirkung nicht unterbrochen, sondern allenfalls Brüche bewirkt.

Es ist festzustellen:

Die Stadt Mainz hat einen langen Entwicklungsweg zu verzeichnen. Aus der Hauptstadt der römischen Provinz Germania Prima wurde fränkischer Bischofssitz. Daraus erwuchsen das Erzstift und Mainz als ‚kirchliche Metropole Deutschlands‘ 1) mit dem Hofbischof des Kaisers. Die Erzbischöfe waren jeweils Haupt einer mächtigen Kirchenprovinz des Reichs. Das ‚Goldene Mainz‘ verstand sich als kompakte Mitte einer Rheinregion. Einiger Glanz ist auch in die Gegenwart gerettet und beeinflußt immer noch das Selbstverständnis der Stadtbürger. Doch die ausgeprägte Lage der Stadt Mainz am Rhein wandelte sich in dem Maß zum Nachteil, wie zunehmend Grenzziehungen gerade unter Zuhilfenahme des Flusses entstanden. Insbesondere französischer Anspruch hat darin insofern Tradition, als Mainz immer wieder zum Inbegriff französischer Präsenz am Rhein und die Festungsstadt mit dem Fluß ein ‚Bollwerk‘ Richtung Osten bildete. Zusammen mit den kirchengeschichtlichen Prägungen trug dies u.a. dazu bei, daß der linksrheinische Raum Mainz z.B. für Evangelische bis in die Gegenwart ‚Diaspora‘ bedeutete. Die Rolle der Landeshauptstadt Rheinland-Pfalz verstärkte diesen Umstand noch, denn die gleichzeitig damit einhergehenden schmerzlichen Verluste des rechts-rheinischen Stadtgebietes zwangen zur kräftigen Ausdehnung in das westliche, wiederum ausgeprägt katholische Umland. Erst allmählich, zusammen mit den Nachkriegszuwanderern und deren Neuorientierung vor Ort, wurde Mainz zur wirklich ‚offenen‘ Stadt, d.h. insbesondere offen für Entwicklungen aus aktuell erarbeitetem Selbstverständnis. Das späte, aber umso stürmischere Wachstum z.B. der Gemeinde Bretzenheim dokumentiert diesen Umstand mit allen Konsequenzen.

Bundesweit hatten die Bevölkerungsbewegungen zu entsprechend reger Bautätigkeit geführt, deren Höhepunkt Mitte der 60er Jahre schon überschritten war. Auch die entscheidenden Fehler waren schon gemacht. Sie verbinden sich mit den Namen von ‚Trabanten‘-Städten wie Märkisches Viertel Berlin, Osdorfer Born Hamburg, Neue Vahr Bremen, Nordweststadt Frankfurt/M., Landwasser Nürnberg, Darmstadt-Kranichstein und anderen. Sie wurden als ‚Schlafstädte‘ abqualifiziert. Parallel mit den ausgedehnten Wohnquartieren waren nach traditionellem Schema Kirchen und Gemeindehäuser eingeplant worden. Deren bemüht monumentale Baukörper und Türme wurden gerne als städtebauliche Dominanten angesehen und benutzt, um den Siedlungsbrei zu ordnen. Etwas plakativ formulierte ein Redakteur 1969 während eines ‚Spiegel‘-Gesprächs mit dem damaligen Ratsvorsitzenden der EKD Dietzfelbinger „…in den 450 Jahren seit Luther sind nicht soviele Kirchen gebaut worden, wie in den 20 Jahren seit Kriegsende.“ Man praktizierte ‚kirchliche Versorgung‘ in großem Stil. Oft kamen Kindergärten, Jugendhäuser und Altenheime hinzu, so daß umfangreiche Baugruppen entstanden. Kirche als Bauaufgabe war zum komplexen Gemeindezentrum fortgeschrieben und ein Produkt der Wohlstandsgesellschaft geworden. Der Gottesdienstraum allerdings, so war die Kritik, verkörpere vielerorts eine Art „Weihnachtsstimmung, in Stein gehauen“ 2), die man überwiegend unzutreffend und entbehrlich fand. Damit städtische Öffentlichkeit zu schaffen, gelang jedenfalls kaum.

Einschnitt 1968

Parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung vollzog sich auch ein gesellschaftlicher Prozeß, der durch eine zunehmend kritische Einstellung gegenüber der allgemeinen Entwicklung geprägt war, die den Aufbau Deutschlands in einen ‚Wieder-Aufbau‘ einengte (als wäre nichts geschehen). Wortführer des Einspruchs waren die Leiter des als renommierte Einrichtung nach Amerika emigrierten und wieder entstandenen ‚Frankfurter Instituts für Sozialforschung‘. Die dort entwickelte ‚kritische Theorie‘ ging wie ein Lauffeuer durch die Republik und mobilisierte vor allem die Studenten zum Widerstand. „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ stand 1967 auf einem Transparent, mit dem Hamburger Studenten ihren Professoren den Protest in die Rektoratsfeier trugen.

Die Auseinandersetzungen steigerten sich zu einer allgemeinen Revolte der jungen Nachkriegsgeneration gegen den „pflegeleicht“ 3) funktionierenden Staat und die ihn tragende Wohlstandsgesellschaft. In Hannover fand 1967 ein ‚Widerstandskongreß‘ statt. Jürgen Habermas hielt die zentrale Rede und verteidigte „die kompensatorische Rolle“ der Studentenproteste. Die Jahreszahl ‚1968‘ markiert einen Einschnitt im Verlauf der deutschen Nachkriegsgeschichte. (Beate Klarsfeld ohrfeigte Bundeskanzler Kiesinger auf dem CDU-Parteitag.)

Die Auswirkung auf den Kirchbau beschreibt Architekt Grundmann, Hamburg, wie folgt:

„…Kirchtürme wurden als Herrschaftsgebärden diskriminiert, Glocke und Orgeln als überflüssige Instrumente einer vergangenen Epoche abgelehnt. Kein Geld dürfe für solchen Luxus mehr aufgewendet werden, sondern sollte statt dessen in die dritte Welt zur Unterstützung revolutionärer Befreiungsbewegungen überwiesen werden. So war, in etwa, die ideologische Situation, als in Darmstadt im Juni 1969 der 14. Evangelische Kirchbautag stattfand. In einer Arbeitsgruppe brachten Delegierte der evangelischen Jugend Darmstadt eine Resolution ein, die mit der Feststellung begann: ‚(..) Dem heutigen Menschen sind teure Kirchen kein Anreiz zum Glauben, sondern Zeichen der unnützen Verwendung von Kirchensteuern (…) Angesichts des Hungers in der Welt machen teure Sakralbauten unsere Verkündigung unglaubwürdig. Daher fordern wir,

a) Kirchtürme sollen aus Kirchensteuermitteln nicht mehr finanziert werden

b) bei der Frage nach Anschaffung von Uhren, Glocken und Orgeln sollen die Kirchengemeinden äußerste Zurückhaltung üben

c) der schlichte Versammlungsraum, der verschiedene Formen der Sammlung und Aktion ermöglicht, soll den Kirchengemeinden als sachgemäß für Neubauten vorgeschlagen werden.‘ “

Das Plenum des Kirchbautages stimmte guten Gewissens dieser Resolution zu und bewirkte bundesweit zunächst eine Art Baustopp für das kirchliche Bauen. Daraus wurde der ‚Fall Mainz-Bretzenheim‘. Dem ehemaligen Dorf war ein ausgedehntes Neubaugebiet zugeordnet worden. Mitarbeiter von ZDF, Schott + Genossen, Landesbedienstete und Angehörige der Mantelbevölkerung einer Universitätsstadt im weitesten Sinn nahmen dort Wohnung. Frankfurt und Darmstadt waren nahe. Mit Mainz zusammen war das kritische Potential dieser Universitäts-städte beachtlich. Beim Blick auf Bretzenheim ist festzustellen: Für die erheblich angewachsene evangelische Gemeinde dort gab es einen Betsaal aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Er lag, zusammen mit dem Pfarrhaus, bezeichnenderweise am Ortsrand des alten Dorfes. Folgerichtig war noch 1968 ein Raumprogramm für den erkennbar gewordenen Bedarf erstellt und einem Architektenwettbewerb zugrunde gelegt worden.

Die beigegebenen Grundsätze gipfelten in der Feststellung:

„Gottesdienst ist in jeder Form und in jedem Raum möglich.“

Auf dieser Grundlage entstanden im Rahmen eines Wettbewerbs Entwürfe. Es wurde eine Auswahl getroffen, die Lösung diskutiert, geprüft und gut gefunden – aber von der bundesweit ablaufenden Entwicklung eingeholt, noch ehe sie sie zur Baureife gedeihen konnte.

Exkurs: Raum und Ereignis als Wechselwirkung

Gewiß, man kann zur Not nahezu überall Gottesdienst feiern, unter einem Baum,

in einer Scheune,

auf einem Marktplatz,

in einem Stadion usw.

Zentraler Vorgang ist zweifellos die Versammlung um Gottes Wort und genügend Platz dazu. Aus der formenden Kraft des Ereignisses werden etwaige räumliche Probleme spontan kompensiert, so daß man in der Wahl des Ortes nicht wählerisch sein braucht.

Wird die provisorische Situation aber zur Wiederholung oder Permanenz, so erstirbt die Spontaneität. Die Diskrepanz zwischen Raumbedingungen und angestrebtem Ereignisablauf wird schmerzlich spürbar. Die Kraft, über Unzulängliches hinweg-zukommen, erlahmt. Der Mensch erfährt sich im Wechselspiel mit dem Raum. Es wird deutlich, er ist in seinem Handeln auf die Unterstützung durch den Umraum angewiesen.

Was für den Einzelnen gilt, trifft sinngemäß auch für die Gemeinschaft zu. Eine Gemeinde kann, so wenig wie der Einzelne, nicht ständig improvisieren. Das Fehlen einer ihrem Gottesdienst angemessenen Räumlichkeit wird als Mangel zur Belastung, den zu korrigieren notwendig wird.

Die Suche nach möglichen Vorbildern wird zum ‚Blättern‘ in Erinnerungen. Unbewußt besteht die Gewohnheit der Sprache, z.B. Räume, die dem Ereignis Gottesdienst dienlich sind, Kirche zu nennen (nicht ‚Betsaal‘). Begriff und Bild stehen analog.

Dieses ‚Angewöhnen‘ deutet auf den langen Zeitraum hin, der dazu nötig ist. Werden also Räume nach ihrer bewährten Nutzung benannt, so steht Langzeiterfahrung dahinter. Dabei handelt es sich meist um Dimension von Langzeit, für die personale Lebenszeit nicht ausreicht. Überlieferte Erfahrung wird darum mit einbezogen – die Erfahrung der Älteren, der Eltern, Lehrer, Vorfahren, des kulturellen Kollektivs.

Räume, die durch Generationen hindurch der Ort bestimmter Erfahrungen waren, sind begreiflicherweise tief verankert im Bewußtsein der Menschen, denn wir ver-knüpfen Wie-Erfahrungen mit den jeweiligen Ereignisorten, den Wo-Erfahrungen, zu einer Bedeutung. Dies ergibt als kollektives Bewußtsein den Bedeutungsrahmen unserer Existenz.

Die kritische Betrachtung kirchlicher Baupraxis war also durchaus als Chance zu originärer Qualität anzusehen. An die Stelle des scheinbar definierten Kirchraums trat dessen auflösende Dezentralisation bis hin zum Provisorium „und zwar sowohl im Sinne der baulich ablösbaren Zwischenlösung als auch im Sinne der inneren Mobilität der Räume. Unter der inneren Mobilität der Räume verstehe ich, daß man einen Raum so bauen sollte, daß er ohne viel Umstände für die verschiedensten Zwecke gebraucht werden kann“ 4)

Diesen unbestritten ernsthaften Thesen wurde das gerade entstandene Projekt für die evangelische Gemeinde Bretzenheim unterworfen.

Zwar gab es auch Erfahrung mit Gottesdiensträumen, die keineswegs ‚Weihnachts-stimmung, in Stein gehauen‘ verkörperten, aber es war schwierig, Merkmale solcher Qualität zu transportieren, d.h. unter die Leute zu bringen, um Bauentscheidungen damit zu beeinflussen.

In Diskussionen und Beratungen zeigte sich, „wie viel weniger, als allgemein angenommen wird, Architektur eine Angelegenheit der Ästhetik ist und wieviel mehr eine Sache der Redlichkeit, der guten Kinderstube und der gesellschaftlichen Moral.

Das Schöne ist der Glanz des Wahren“, sagt Thomas von Aquin. 5) Sicherheitshalber erfand man den funktionalen Begriff ‚Mehrzweckraum‘ und vertraute im übrigen auf die Kraft des theologischen Wortes. Aber selbst diese Quelle trocknete mehr und mehr aus. Kirchliche Praxis wurde vor allem soziale Arbeit. Gottesdienste galten auch der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, so daß räumliche Neutralität zu einer Planungsbedingung wurde.

Die als ‚Brauchbarkeit für verschiedenste Zwecke‘ definierte Forderung führte in der Praxis letztlich zum Verzicht auf gängige Gestaltungsmittel beim Entwurf kirchlicher Versammlungsräume. Reduktion als Kernfrage bedeutet aber ein Zurückgehen auf Elementares im Umgang mit Raum. Meist ist daraus ein Weglassen geworden, denn die Raumsprache der Multifunktionalität ist per Definition eine Art Verstummen. Man verzichtete z.B. auf die Möglichkeiten sorgfältig angeordneter Tageslichtführung und entging damit auch deren Anforderungen. Neutralität orientierte sich eher am sachlichen Institutsbau. Auch die Materialpalette wurde lieblos gehandhabt. Die Parole: ‚Gott wohnt auch in Bimsbeton‘ mag als saloppes Beispiel dienen, das manche Mißverständnisse illustriert.

Es ist kompetenten Architekten bekannt, daß wechselnde Ereignisse jeweils der bewußten Inszenierung bedürfen, um zustande zu kommen. Dies ist anstrengend für den Nutzer. Die jeweilige Ausgangssituation nähert sich notgedrungen dem Milieu eines Studios, wie man es z.B. von den Häusern der Medien kennt. Hohe Wandlungsfähigkeit, aber ohne den Aspekt der Dauer sind ihre Kennzeichen und das Ausmaß an Installationen meist beträchtlich. Gottesdienst in solchen Räumen muß entweder zur ‚Veranstaltung‘ aktiviert werden, oder er findet nicht statt. Gemeindezentrum aber muß mehr sein als Studio oder ‚große Wohnung‘. Es sollte dort irgendwo möglich werden, der Alltagsturbulenz zu entkommen, indem man vordringt in einen Ort der Stille, als Annäherungsversuch an Gottes Gnade. Stille aber, die zur Meditation führen möchte, kann man nicht ‚veranstalten‘. Sie bedarf stattdessen eines freien Raumes, großzügig und karg zugleich. Die latenten Wünsche sensibler Gemeindeglieder nach Veränderung haben hier ihre Ursache und sollten ernst genommen werden.

Mainz-Bretzenheim als Chance

Wer den ursprünglichen Entwurf mit dem ausgeführten Projekt vergleicht, wird, neben dem Verzicht auf alle Wohnbauten, vor allem die verkleinerten Dimensionen der Hauptbaugruppe erkennen. Die Aktualisierung im Raumprogramm wurde damals vereinfacht durch Reduktion von Grundriß-Quadratmetern vollzogen. Der Effekt war an Zahlen deutlich ablesbar, der damit verbundene Verlust in Form von verknapptem ‚Spielraum‘ für die Gemeinde jedoch weniger. Aus dem Anspruch zeitbezogener Folgerichtigkeit entstand eine quantitative Sparmentalität. Postitiv ist festzustellen, daß das Prinzip der miteinander verknüpften Räume beibehalten werden konnte: Jeweils ein Raum bildet die Gegenform des anderen. Die Lage des zuküftigen Gemeindezentrums am ehemaligen Dorfrand ergab die Chance, daß damit nicht nur altes und neues Baugebiet verknüpft wurde, sondern das Objekt in deren gemeinsamen Schwerpunkt zu liegen kam. Ein öffentlicher Verbindungsweg durch die Bauanlage macht dies sichtbar.

Es zeigte sich sehr bald, daß das Gemeindezentrum angesichts der notwendigen Nutzungen von Anfang an zu klein dimensioniert war. Nachträgliche Überlegungen, Raumzuwachs durch Anbauen zu gewinnen (wachsendes Haus), blieben in Ansätzen stecken. Stattdessen ist eine ‚instrumentelle‘ Anreicherung, insbesondere des Gottesdienstraumes, festzustellen. So sehr dieser Zuwachs an kirchlicher Ausrüstung ‚betriebsbedingt‘ entstanden sein mag, um die Verhältnisse zu verbessern, so sehr muß danach gefragt werden, wie am Ende ein ‚Kernraum Kirche‘ für die evangelische Gemeinde Bretzenheim unter den Bedingungen des Baubestandes zustande kommen könnte. Die Menschen dieser Gemeinde haben über 25 Jahre ihr Zentrum im Sinne eines Ernstfalles bespielt. Sie haben Spürsinn für den zu Tage getretenen Mangel an räumlicher Entfaltung entwickelt, aber auch Kompetenz erworben, diesen zu überwinden. Die ihnen verfügbare Bauanlage ist daher keinesfalls als ein Endzustand zu sehen, sondern im Sinne der Physik als ‚kritische Masse‘ mit hohem Potential. Erste Modellversuche möge man in aller Offenheit als Auftakt zu weiteren Schritten sehen und nutzen. Sie sollten zum besonderen Beitrag der evangelischen Kirche für die offene Stadt Mainz führen

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