Neue Zeiten

Vorhersagen über die Zukunft sind schwierig, eigentlich unmöglich. Der Prophet Jesaja im Alten Testament wagt doch eine. Er ist sich so gewiss, wie er nur gewiss sein kann. Nicht weil er die Zukunft vorhersehen könnte, sondern weil er Gott vertraut. 600 Jahre vor Jesus wagt Jesaja einige Sätze über die Zukunft, die zum Schönsten gehören, was das Erste Testament den Menschen anbietet.

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.
Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,
sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.
Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten.
Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind.
Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter.
Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt.

Diese Worte konnte man damals, zur Zeit des Propheten Jesaja, nicht so recht deuten. Man hörte sie, erfreute sich auch an den Worten, wusste aber nichts Genaues. Wen könnte der Prophet gemeint haben? Erleben wir das noch, diese wunderbare, neue Zeit? Werden wir der neuen Zeit würdig sein? Immerhin erkannten einige die Worte als so bedeutend, dass sie aufgeschrieben wurden, damit sie auch andere lesen konnten.

Und dann lagen sie da, die Worte. Sie standen auf einem Papyrusblatt und staubten leicht ein. Auf die Worte des Jesaja folgte erst einmal große Not. Etliche aus dem Volk Israel verloren ihre Heimat und wurden nach Babylon verschleppt. Diese Not war größer als die Hoffnung auf neue Zeiten. Wer Not bekämpfen muss, hofft eher auf den nächsten Tag als auf die nächsten Jahre oder Jahrzehnte. Vielleicht haben immer wieder mal Menschen den Staub von den alten Worten geblasen und seufzend gelesen, wie eine neue Zeit aussehen könnte. Aber mit dem Seufzen waren sie dann auch wieder wenn nicht vergessen, dann doch im Schrank abgelegt. Was sollen wir mit neuen Zeiten, wenn die alten noch nicht bewältigt sind?

Und dann kommt Jesus. Lange Jahre ist er unscheinbar. Dann wächst er in sein Volk hinein. Sucht sich Freundinnen und Freunde. Erzählt von Gott, berührt Menschen, spricht den wunden Seelen Mut zu. Habt keine Angst, sagt er, Gott ist immer bei euch. Das sagt er so, dass man es glauben kann. Gesichter beginnen zu leuchten, die lange verbittert waren. Körper strecken sich, die lange gebeugt waren. Zungen lösen sich, die verstummt waren. Und Menschen erkennen, bis heute: Die neue Zeit fällt nicht auf uns herab. Wir sind die neue Zeit. Unser Feingefühl für Menschen, unsere Achtsamkeit für Not und Schmerz, unsere helfenden Hände – das alles ist die neue Zeit. Die neue Zeit der Nähe Gottes.

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