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Eine Andacht zum Advent: Das Herz der Welt

Das Herz der Welt

Adventlich-weihnachtlicher Brief an den Herrn Jesus

Lieber Herr Jesus,

wenn ich auf dieses Bild sehe, dann ist mir, als sähe ich dich. Geboren, um zu lieben. In die Welt gesenkt, um zu lieben. Wie einst in Bethlehem. Als habe Gott sein Herz verschenkt. So sagen wir Menschen oft, wenn wir einen anderen Menschen zu lieben meinen. Dann verschenken wir unser Herz, sagen wir, und meinen damit: Es gehört nun einem anderen. Oder einer anderen. Er oder sie hat mein Herz. Ohne den anderen meint man nicht mehr leben zu können. Kann man natürlich doch, man meint es ja nur. Und will sagen: So wertvoll bist du mir, dass ich dir mein Herz schenke. Das Herz steht für Leben. Ohne Herz kein Leben. Ohne Liebe keine Welt. Ja, so sieht es aus auf dem Bild: ohne Liebe keine Welt. Was der Welt noch fehlte zu ihrem Glück, war das Herz, warst du, Herr Jesus. Alles ging irgendwie seinen Gang, mag Gott gedacht haben, damals. Er sah auf seine Schöpfung; und siehe, es war sehr gut.

 

Und dann doch nicht. Der Mensch, Gottes Ebenbild, stiftete mit seinem Wollen mehr Unheil, als er Heil von Gott bekam. Du weißt das ja alles, Herr Jesus. Ich erzähle nur mir, was ich denke über jene Nacht in Bethlehem, wo die Welt wieder ihr Herz bekam. Das Unheil überwog das Heil, erzähle ich mir. Es konnte nicht so weitergehen mit der Welt und Gott. Es musste etwas geschehen. Der Welt fehlte noch ein anderes Herz, oder? Noch etwas anderes von Gott selbst also. Ja, die Gebote sind auch Gottes Herz, das weiß ich. Aber es sollte noch etwas ganz anderes sein, etwas aus Fleisch und Blut, mag Gott sich gedacht haben. Ist es so, Herr Jesus? Und dann kamst du. Und die Welt leuchtete vor Liebe. Wieder leuchtete sie. Wie schon am Sinai in den Geboten.

 

Tat sie natürlich nicht; oder nur ein winziges bisschen im Stall von Bethlehem. War es darin wirklich so still und heimelig, wie wir uns das immer vorstellen? Was dort leuchtete, waren die Menschen, von denen wir hören: die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland. Bestimmt auch ein paar Nachbarn, die Essen und Getränke vorbeibrachten, ohne deswegen gleich auf die Knie zu fallen und zu beten. Oder zu jubeln wie die Hirten. Etwas Glanz war schon in der Hütte. Sonst hätte man sich das alles nicht behalten und aufgeschrieben. Das muss auch so sein, wenn das Herz zur Welt kommt: du, Herr Jesus. Gottes Liebe. Gottes Angesicht. Das bist du. Wie du sieht Gott aus. Wie Liebe nämlich.

Die Liebe ist aber nicht nur lieb. Sie ist auch mal schroff oder streng oder schweigsam. Die Liebe hat alles, was du hast, Herr Jesus. Alle Kraft. Und alle Schwachheit. Manchmal ist sie oder scheint sie so schwach, dass sie gerade darum stark ist. Weil sie nicht unbedingt will, weil sie nicht unbedingt verlangt oder fordert oder Bedingungen stellt. Sie ist da, sie schaut uns an, sie wartet auf uns wie du, Herr Jesus. Sie wartet, bis wir sie mögen, deine Liebe. Und wir sie uns anziehen wie ein Gewand. Um dir näherzukommen. Nähe durch Anspruchslosigkeit. Die schönste Nähe. Und die schwerste. Schwer wie deine letzte Stunde. Liebe als Hingeben, ohne sich aufzugeben. Hingeben, um die Liebe nicht aufzugeben. Das Herz der Welt.

 

Habe ich dich da richtig verstanden, lieber Herr Jesus? Sich auch hingeben, um die Liebe nicht aufzugeben? Bist du das? Das Herz der Welt? Oft bist du schwer zu verstehen, Herr Jesus. Wie du gerade die seligsprichst, die nichts haben oder nichts wollen oder an sich und der Welt leiden. Wie du die Kleinen groß machst nicht mit Geld oder Kraft, sondern mit Ansehen. Wie du vom Paradies sprichst, dem Sehnsuchtsort. Wie du Gott vertraust. Da bleibt mir sozusagen das Herz stehen, wenn ich mir das vorstelle. Weniger sorgen, mehr vertrauen. Das sagst du ja. Und glaubst es so, dass du es tust. Wohl wegen der Liebe, die du spürst und gibst. Liebe vermag alles, meinst du. Weil sie Gott selbst ist in der Welt. Sein Herz. Verstehe ich dich da richtig, Herr Jesus? Ich vermag das alles nicht, leider. Vielleicht liebe ich zu viel nach Menschenart. Mit Wollen und Fordern, mit Bedingungen, auch mal mit Drohungen. Ich bin nicht wie du, Herr Jesus, leider.

 

Nimm mich trotzdem in deine Arme, bitte. Und halte mich an der Hand. Geh mit mir in diesen Wochen nach Bethlehem. Lass mich kurz in den Stall schauen zu Maria und Josef, den Hirten und Königen. Lass mich den kleinen Glanz sehen, der dort war. Und halte mich auch dann fest an deiner Hand, Herr Jesus, wenn es später nach Golgatha geht, der allerstärksten deiner Schwachheiten. Deinem Opfer, um die Liebe nicht zu opfern. Ich will das alles einfach immer wieder fühlen, sehen, spüren. Und ganz fest auf mein Herz legen. Vielleicht wird es dann etwas größer, mein Herz; besser gesagt: gewisser. Und sieht klarer, was wohl immer nötig ist: Vertrauen auf mehr als die Welt. Vertrauen auf Liebe, auch wenn sie verliert. Weil Liebe, auch wenn sie verliert, immer ein Gewinn bleibt.

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