Willkommen auf der Homepage der Ev.Philippus-Gemeinde Mainz-Bretzenheim

Hendrik Maskus

Ordinationspredigt

Die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus sei mit uns allen!

(1)

Liebe Gemeinde,

Blume ist Kind von Wiesedie Wiener Lehrerin Helga Glantschnig, die in Wien Kindern mit anderssprachiger Muttersprache Deutsch unterrichtet, hat aus den Unterrichtserfahrungen ein Buch geschrieben, in dem sie quasi als Wörterbuch Umschreibungen der ausländischen Kinder sammelt. "Blume ist Kind von Wiese" lautet der Titel des Buches und der Untertitel: Deutsch ist meine neue Zunge. Ganz unbefangen und doch mit ungeheurem Gespür erklären die Kinder Worte, ja es finden sich wahre Sprachkünstler unter ihnen. Sehr oft bleibt es nicht bei einem Grinsen, sondern es offenbaren sich uns tiefe Einsichten in die den Kindern oft fremde Welt.

Nun natürlich gibt es auch eine Definition von Glocke, die ich Ihnen, liebe Gemeinde, nicht vorenthalten will: "Es läutet in einer Kirche, damit alle Menschen sehen, dass die Kirche aufgeht". Was scheinbar so selbstverständlich ist, erweist sich doch als mehr: Die Glocken kündigen das Aufgehen der Kirche an! Der Gottesdienst beginnt, die Kirche öffnet sich, die Kirche lädt ein, und das sollen alle Menschen hören. Die Beobachtung der Wiener Kinder ist klar und präzise. Die Glocken rufen herbei und zeigen das Aufgehen der Kirche an. Aufgehen von offen werden, aufgehen, verstehe ich aber auch als ein nach Außen gehen. Das regelmäßige Glockengeläut, möchte ich weiter folgern, zeigt eben an, dass die Kirche offen ist. Es zeigt an, dass Gottes Geist nicht nur in der Kirche wirkt, sondern überall uns erreichen kann und uns nahe kommt, z.B. dort, wo wir Glocken hören.

Glockengeläut ist sicherlich ein wesentliches Kennzeichen des Christentums seit Jahrhunderten. Die Glocken teilten früher den Tag ein, sie erinnerten an Gott, den Herrn über alle Zeit und ich bin sicher, sie erfüllen den Zweck auch heute noch. Glockengeläut kündet von einer Hoffnung, unterbricht unseren Alltag und macht uns gerade auch in hektischem Treiben oft bewusst, dass es mehr gibt als Umtriebe und Geschäfte. Nicht nur zu besonderen Anlässen wie zu Beginn des Gottesdienstes rufen sie Menschen herbei und zeigen an, dass die Kirche aufgeht. Gerade im Alltag kann das Geläut zeigen, dass die Kirche offen ist, dass Gottes Geist nicht nur sonntags weht, sondern unser ganzes Leben begleitet.

Heute gibt es auch viele Leute, die sich über das Geläut erregen: Sie empfinden es als störend und vielleicht ist das ja auch -bildlich gesprochen so gewollt. Die Unterbrechung des Alltäglichen, der Hinweis, das es mehr gibt, als was sichtbar, greifbar und käuflich ist. Glocken können somit etwas Unbequemes haben. Sie erinnern uns an unsere Tradition und fordern uns angesichts wachsender Pluralität auch heraus: Glockengeläut kündet von der Hoffnung und das für alle und in allen Lebenslagen.

In Gesprächen erzählen mir Menschen oft von ihrem Leben: Geschichten von früher, von Heimat - und mir fällt auf, wie oft sie berichten, dass der Klang der Glocken dazu gehörte und für sie wichtig war. Das vertraute Läuten gehörte zu ihrem Leben und ganz oft bei Menschen, die keine enge kirchliche Bindung hatten. Da bekommt der Glockenklang etwas Sehnsüchtiges, da verbindet man mit ihm Geborgenheit und Sicherheit, dass Gott über die Zeit wacht und seine Hand über uns hält. Doch die Glocken sollen nicht nur an Gott und seine Einladung erinnern. Sie fordern von uns Antwort, dass auch wir "aufgehen", uns aufmachen.

(2)

Sie haben vorhin die ersten Glockenschläge hier gehört. Wie das sich aufmachen aussehen kann, zeigen die Bibelverse, die unseren neuen Glocken eingraviert wurden. Der Kirchenvorstand hat sie ausgesucht, und ich denke, er hat eine gute Wahl getroffen. Drei Psalmverse, wir haben sie vorhin gehört und sie stehen auch auf Ihrem Liedblatt. Sie gehören zu drei Sonntagen im Kirchenjahr, doch sie beschreiben m.E. weit mehr: Vom Klagen ist die Rede und vom Singen. Beides gehört zu unserem Leben dazu, gute Zeiten und schlechte Zeiten, alles hat seine Zeit und für beides gibt es auch genügend Psalmverse: Klagen und Singen und doch hat beides eine Klammer: laudate - alles, was Odem hat,lobe den Herrn"Alles, was Odem hat, lobe den Herrn", heißt es im 150. Psalm, dem letzten des Psalmenbuches, er ziert die dritte Glocke. Dieser Vers ist quasi das große Finale des Psalters: Ob Leid oder Freude, ob Klage, Angst oder Zuversicht, ob Lebenslust oder Verzweiflung, alle Emotionen und Lebenslagen, in denen sich Menschen befinden können, sind in den Psalmen zu finden. Sie spiegeln in sehr umfassender Weise die widersprüchliche Vielfalt des Lebens wider. Jahrhundertelange Erfahrungen, Menschheitserfahrungen sind hier in bildreiche Sprache geronnen. Die Psalmen sind Antworten von Glaubenden auf Gottes Liebe, gesammelte Glaubenserfahrungen, die Menschen gemacht haben. Hier sprechen Menschen ihren Glauben aus, indem sie mit Gott rechnen und auch richten. Doch wie sich auch die Psalmenbetenden immer fühlen mögen, alles ist aufgehoben im großen Lob Gottes. Ob Hadern oder Singen immer setzt sich der Beter zu Gott in Beziehung und lobt ihn so im großen Halleluja! Wo immer Psalmen gebetet werden ist das das Vorzeichen: alles Beten und alles Leben ist Teilhabe am Lob Gottes, ist Antwort des Menschen an Gott, seinen Schöpfer:

(3)

"Alles, was Odem hat, lobe den Herrn" oder wie Martin Buber übersetzt: "Aller Atem preise oh Ihn!" zu Beginn der Bibel wird in der Schöpfungsgeschichte erzählt, dass Gott Erde nimmt, seinen Odem, also seinen Atem einhaucht und der Mensch daraus wird. Der Mensch ist also von Anbeginn Kind der Erde, der Welt - und doch lebt er von Gottes Odem, atmet er seinen Geist, kann ohne Gottes Odem nicht sein. Und damit ist er auch zu mehr als zur Welt berufen, er steht in der Beziehung zu Gott und ist zum Lobe Gottes da. Das ist sein Lebensziel, sein ganzes Leben ist Gotteslob. Es ist Ziel und Vollendung des Lebens: Ja zu sagen zu Gottes Gegenwart, zu seiner Schöpfung.

Gott loben, das ist bei uns oft mit dem Beigeschmack behaftet, hier ginge es nur um ein frommes Lied oder eine Gebetsgemeinschaft, doch Loben ist weit mehr: Loben ist eine Existenzweise, eine Lebenshaltung: "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn" mit seinem ganzen Leben nicht nur mit seinem Mund, mit seinem Herzen, mit dem Tun seiner Hände. Das Lob Gottes ist ein "Tatzeugnis" - so hat es einmal ein bedeutender Theologe formuliert (KD IV/3, 992)- . Gottes Lob soll immer da in meinem Munde sein, singen wir, doch das meint nicht, dass es nur da ist. Es begleitet unser Leben, es prägt unser Tun! Wir loben Gott mit einer helfenden Hand, einem mutmachenden Blick, Gottes Lob zeigt sich im Einsatz für Menschlichkeit und für Gerechtigkeit, im Kampf gegen Benachteiligung und für die Bewahrung der Schöpfung, im Schutz des Lebens vor der Ausbeutung durch Menschen und Profit. Beispiele für Gotteslob im Alltag gibt es viele, ich denke, jede und jeder von uns findet sie.

Zum Lob Gottes leben wir ja sind wir befreit. Der Psalmbeter des 150. Psalms bietet alles Erdenkliche auf, in dieses umfassende, kosmische Lob einzustimmen. Mit Pauken und Saiten und hier in Bretzenheim bald auch mit Glockengeläut. Und all dies gipfelt in dem Ruf "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn": So werden seit Jahrhunderten diese Psalmen gebetet, so hat auch Jesus Christus sie gebetet, so haben auch wir Anteil an ihnen und sie weitertradiert.

(4)

Schön ist es, dass die Glocken zum Lob Gottes hier heute am Gemeindefest erstmals erklingen, denn das kann ein gutes Beispiel dafür sein, dass das Geläut und das Loben nicht nur im gemeinsamen Gottesdienst stattfindet, sondern auch im gemeinsamen feiern. Wo wir Gemeinschaft erfahren, da ist Gott mitten unter uns. In der Lebendigkeit und im Miteinander von Menschen erkennen wir Gottes belebenden Geist, leben wir befreit zum Lobe Gottes.

Wenn die Glocken zeigen, dass die Kirche "aufgeht", wie es das Kind in Wien so schön umschrieben hat, und wenn die Glocken vom Gotteslob singen, dann erinnern uns die neuen Glocken daran: Ob Klage oder Freude: "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn" im Gottesdienst aber auch in unserem Alltag - in unserem ganzen Leben!

AMEN

Impressum:
Ev. Philippus-Gemeinde Mainz-Bretzenheim,
Büro: Hochstraße 16/ Gemeindezentrum: Hans-Böckler-Straße 3, D - 55128 Mainz
Tel: +49-6131-34127, Fax +49-6131-338547, Email: info@philippus-mainz.de
Bankverbindung: Mainzer Volksbank BLZ 551 900 00 Kontonr.: 426662011
Eine Kirchengemeinde in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau