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Über den Namensgeber unser Kirche und unserer Gemeinde

Philippus – eine Predigt mit Augen, Händen, Mund und Köpfchen

Pfr. Andreas Klodt  im Radio-Gottesdienst von SWR, D-Radio und Deutscher Welle 
am 04.05.2008 life aus unserer Gemeinde


Die Augen

Das Auge: Dieses Sinnesorgan ist für Menschen von großer Bedeutung. Der Lichtsinn ist der Leitsinn. Er macht Menschen sichere Orientierung möglich.

Wir sind Augenmenschen! Wenn jemand ganz genau von einer Sache berichten kann, dann nennen wir ihn einen Augenzeugen. Wir zeigen damit, dass unter allen Sinnen das Sehen für uns am wichtigsten ist. Etwas mit eigenen Augen sehen heißt: da bin ich mir ganz sicher, da ist kein Zweifel mehr möglich. Wir vertrauen unseren Augen. Ein ausgesprochener Augenmensch ist auch Philippus. Da hat er gerade eben zum ersten Mal Jesus gesehen, hat sich ihm angeschlossen und ist ein Jünger geworden. Und schon kurz danach versucht er, andere für den Weg Jesu zu begeistern. Nathanael kommt vorbei und das, was Jesus für Philippus bedeutet, was da zusammenkommt an Leben, Liebe zu den Menschen und göttlicher Wahrheit, das kann Philippus in seiner Einladung an Nathanael in drei Worten zusammenfassen:

Komm und sieh!

Schau her und du wirst staunen, meint diese kurze Bemerkung. Ein Blick genügt. Trau ruhig deinen Augen, die zeigen dir, worauf es ankommt. Wenn du auf Jesus schaust, kannst du visuell ausgerichtetes Lebewesen dich sicher orientieren – der Sehsinn weist auf einen Sinn, der dein ganzes Leben umfasst.

Einmal schießt Philippus allerdings über das Ziel hinaus. In seiner Begeisterung für das Sichtbare möchte er auch Gott selbst in all seiner Herrlichkeit sehen. Er traut seinem Meister Jesus zu, dass er das einrichten kann. Darum spricht er zu Jesus:

Herr, zeige uns den Vater und es genügt uns!

An der Stelle pfeift Jesus seinen Philippus zurück. So lange sind sie schon zusammen unterwegs – und jetzt will Philippus stattdessen seinen Blick lieber auf de Schöpfer selbst richten und sich nur mit ihm zufrieden geben?

Nein, den wird er nicht zu sehen bekommen. Das Höchste, Größte und Wichtigste, was Menschen sehen können, sind – Menschen. Denn Gott will keine Himmelsstürmer. Er wünscht sich von uns eine Genügsamkeit, die das Leben auf der Erde nicht aus dem Blick verliert. Darum antwortet Jesus:

Wie sprichst du: zeige uns den Vater? Wer mich sieht, der sieht den Vater.

Jesus findet: Unser Leitsinn soll sich am Menschlichen orientieren. Dann wird er richtig eingesetzt. Gott selbst ist ja Mensch geworden, damit unser liebevoller Blick auf dem Mitmenschen neben uns ruht. Und gerade beim Glauben geht es immer wieder um die richtige Optik: Unsere Augen sollen geöffnet werden für die Schönheit genauso wie für die Not unserer Nächsten. Konzentriere dich auf das, was du tagtäglich vor Augen hast, meint Jesus. Sieh auf den Menschen.

Philippus hat diese Lektion Jesu gründlich gelernt. Sie ist ihm sozusagen zu einer Sehhilfe geworden. Was vorher unscharf blieb, das sieht er jetzt ganz deutlich. Mit großer Hingabe wird er in Zukunft seinen Blick ganz bewusst dorthin richten, wo er gebraucht wird. Seine Augen sind ihm ganz neu zum Leitsinn geworden. Sie öffnen sich dem, was der andere braucht.
 

Die Hände

Die Hand. Sie ist beim Menschen das Greifwerkzeug der oberen Extremitäten. Vom Wort „Hand“ leitet sich „handeln“ ab.

Philippus ist ein Mann mit Augenmaß. Und nachdem er gelernt hatte, Gottes Herrlichkeit unter den Menschen zu suchen, hat er ein Auge für die Armen. Außerdem hat er einen Blick dafür, was realistisch ist und was nicht. Weil Philippus zählen kann und die Armen auf ihn zählen können, darum verwaltet er auch die Armenkasse. Das ist ein Geldbeutel, aus dem Jesus und die Jünger Almosen geben. Kein Wunder also, dass Jesus sich zuerst an Philippus wendet, als es darum geht, 5000 Menschen satt zu machen:

Jesus hob seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme.

Philippus hat Bodenhaftung. Bei ihm sind die handfesten Probleme gut aufgehoben. Er weiß, dass diakonisches Engagement Geld kostet. Ein Tagelöhner verdiente damals einen Silbergroschen am Tag. Nicht jeden Tag fand er Arbeit. 200 Silbergroschen, das war ein Jahreseinkommen. Aber auch der Lohn, für den ein Mann ein ganzes Jahr arbeiten muss, reicht vorne und hinten nicht.

Selbst wenn für so viel Geld Brot eingekauft würde, gäbe es für jeden nur ein ganz kleines Stückchen. Viel zu wenig zum Leben.

Da hilft nur noch ein Wunder, wie Jesus es damals vollbracht hat.

Doch das ist nicht die Regel.

Philippus weiß: Nicht jede Not lässt sich lindern. Manchmal ist es zum Verzweifeln. Er ist besonders gefordert, als unter den ersten Christen Spannungen entstehen:

In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

Es ist das alte Lied: alle sind gleich, aber einige sind gleicher. Witwen waren damals oft unversorgt und zählten zu den Ärmsten der Armen. Gut, dass die ersten Christen sich um sie kümmerten. Wenigstens ein warmes Essen am Tag sollten sie haben.

Leider funktioniert die Verteilung der Speisen nicht so richtig – die griechisch-sprechenden Witwen, die „Zugereisten“ also, werden benachteiligt. Vielleicht war es gar kein böser Wille, man kennt das ja, die einen stehen einem halt näher, da fällt deren Portion schon einmal größer aus.

In dieser Situation sind Menschen wie Philippus gefragt. Einer muss hand-eln, und das meint ganz wörtlich: einer muss Hand anlegen.

Dabei gehört nicht von ungefähr zur Hand auch das Fingerspitzengefühl. Denn oft haben Menschen, die benachteiligt werden, ein besonderes Gespür für Würde: wer sich für sie einsetzt, darf nicht den Eindruck erwecken, als verteile er von oben herab Almosen.

Philippus schafft genau diese Gradwanderung. Er reorganisiert die warme Mahlzeit für die Witwen und er teilt das Essen dabei auch noch selbst aus. Philippus ist sich dafür nicht zu schade. Ein geistbegabter Mann bedient Frauen.

Das war nicht üblich damals. Ein starkes Zeichen. Es macht Philippus glaubwürdig, dass er nicht nur redet, sondern handelt.

Gut, wenn es Handmenschen wie ihn gibt: wo Not am Mann oder an der Frau ist, da helfen sie. Sie tun, was getan werden muss. Und vor allem: sie achten dabei die Würde des anderen. Zurecht haben sie alle sich wie Philippus den Ehrentitel „Diakon“ verdient. Das heißt auf deutsch ganz einfach „Diener“. Ein schlichtes Wort für eine große Aufgabe.


Der Mund

Der Mund: Neben dem Kauen dient der Mund der Stimmbildung und kann zur Atmung genutzt werden.

Als großer Redner ist Philippus bisher noch nicht aufgefallen. Er kommuniziert mit den Augen und den Händen. Das spricht nicht gegen ihn. Vielleicht ist er ja der Typ des großen Schweigers, der nicht viele Worte macht und doch verlässlich und hilfsbereit ist.

Das ändert sich schlagartig bei einer Zufallsbekanntschaft auf einer staubigen Landstraße im Süden Israels. Eine einsame Gegend, die heute zum Gazastreifen führt. Der äthiopische Finanzminister ist auf dem Rückweg von einer spirituellen Reise nach Jerusalem. Offensichtlich ist er dort aber nicht wirklich glücklich geworden. Denn ohne Umschweife will der Afrikaner wissen, wie das ist mit dem Sinn des Lebens und worauf man im Leid hoffen kann. Ein steiler Einstieg! Da begegnen sich zwei sich völlig unbekannte, komplett verschiedene Leute, und es gibt nicht eine Minute lang small talk.

Philippus, der Mann der Tat, erweist sich in diesem Augenblick auch als Mann der Rede. Es hat wohl nur den Anstoß von außen gebraucht, damit zur Tat auch noch das Wort kommt. In der Bibel steht kurz und bündig:

Philippus aber tat seinen Mund auf und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

Es genügt nicht, neben dem äthiopischen Finanzminister zu sitzen und gemeinsam vielleicht in einen schönen Sonnenuntergang zu blinzeln. Philippus muss die Geschichte Jesu erzählen, ganz, bis zu Jesu Tod am Kreuz, nicht nur die Highlights und die schönen Stunden. Aber Philippus lässt auch keinen Zweifel daran, dass Gott den Tod nicht will. Die Geschichte Jesu hat ein gutes Ende.

Für Philippus ist es eine wichtige Entdeckung, die er da macht: er hat etwas zu sagen. Sein Mund hat eine Aufgabe. So, wie er vorher seine Hände bewegt hat, so bewegt er jetzt auch seinen Mund:

Mit Leidenschaft.

Er beginnt zu reden und hört nicht eher auf, als bis er dem Fremden ganz genau erklärt hat, was der wissen muss.

So plötzlich die gemeinsame Wegstrecke begann, so schnell geht sie auch wieder zu Ende. Als der Äthiopier ein Wasserloch sieht, bittet er Philippus, ihn zu taufen. Und so geschieht es. Danach trennen sich die Wege der beiden. Der Finanzminister setzt seine Heimreise fort.

Doch er hat Antworten auf seine Fragen bekommen. Deshalb steht am Ende der Begegnung in der Bibel nur der eine Satz:

Er zog seine Straße fröhlich.

So sind wir Menschen: Auf der Suche nach Sinn, mit einer Schwäche für schwierige Fragen. Und fröhlich, wenn wir eine Antwort bekommen.

Gut, dass es Mund-Menschen gibt, die uns Rede und Antwort stehen. Und die geduldig weiterreden, bis die Botschaft erklärt ist. Das ist Schwerstarbeit für den Mund, aber darunter tun sie’s nicht!


Der Kopf

Das Gehirn. Hoch konzentriert verarbeitet es Sinneseindrücke und koordiniert komplexe Verhaltensweisen. Es ist somit der wichtigste Ort, an dem alle überlebenswichtigen Informationen zusammengeführt werden. Es umfasst 100 Milliarden Nervenzellen und 100 Billionen Synapsen.

Manchmal ist es Zeit für eine neue Verknüpfung im Gehirn. Manchmal muss das Denken die bewährten Wege verlassen und sich auf Neuland wagen.

Jesus war so ein Querdenker. Er hatte nie Scheu davor gehabt, Frauen als Gesprächspartner zu akzeptieren – anders als die meisten seiner Zeitgenossen. Diese Eigenschaft hat er an Philippus weiter gegeben.

Philippus hatte sich schon nichts dabei vergeben, Frauen bei Tisch zu bedienen. Aber Philippus setzt noch eins drauf: ganz bewusst bildet er Frauen zu Prophetinnen aus. Es ist nur ein kurzer Hinweis, der sich in der Bibel zu dem erhalten hat, was im Haus des Philippus vorgeht:

Philippus hatte vier Töchter, die waren prophetisch begabt.

Hinter diesen zurückhaltenden Worten versteckt sich ein Stück Emanzipation von Frauen.

Denn das Haus des Philippus ist mehr als nur ein Haus. Es ist eine Schule. Und die Töchter sind mehr als Töchter, sie sind Schülerinnen. Vielleicht wurden die Schülerinnen auch als Töchter bezeichnet.

Und was sie lernen und üben, das Prophezeien, ist mehr und anderes als Horoskop erstellen und Kartenlegen.

Beim Prophezeien geht es um Hilfestellung für den richtigen Weg im Leben. Hier gut zu raten, das fällt nicht vom Himmel.

Hier ist nur kompetent, wer vertraut ist mit der Bibel. Er, das heißt in unserem Fall: sie muss sich auskennen in der großen religiösen Tradition und behutsam nach Gottes Willen für die Zukunft fragen. Dazu braucht sie auch noch ein Gespür für politische Machtverhältnisse. In all dem hat der Schulleiter Philippus Frauen ausgebildet. Mit dieser Entscheidung ist Philippus den meisten seiner Zeitgenossen weit voraus. Damals dachte man oft einfach: Das Weib schweige in der Gemeinde. Damit war der Fall erledigt.

Ganz anders Philippus, der dachte gar nicht daran, den Frauen den Mund zu verbieten.

Das machte ihn schon zum Exoten, selbst unter den ersten Christen, die für Neues aufgeschlossen waren. Es ist sicher kein Zufall, dass er seine Prophetinnenschule nicht in Jerusalem, dem religiösen Zentrum, einrichtet. Er geht nach Caesarea, einer Stadt am Meer. Dort steht die Schule nicht ganz so im Blickpunkt und kann in Ruhe arbeiten.

Gut, wenn es Kopf-Menschen wie Philippus gibt, die sich nicht in den Konventionen ihrer Zeit einfangen lassen, sondern die es wagen, Neues zu denken.

Denn die Gerechtigkeit des Lehrers beginnt da, wo Schüler ohne Ansehen ihrer Herkunft, ihres Geschlechtes oder sozialen Standes ernst genommen werden müssen. Eine Lektion, die wir heute wieder lernen müssen.

Die Aufnahme von Frauen als Schülerinnen ist das letzte spektakuläre Ereignis, das die Bibel von Philippus berichtet. Danach verliert sich seine Spur.

Er war ein Mensch nah bei Jesus, der Augen, Hände, Mund und Köpfchen eingesetzt hat, um Gottes Liebe zu bezeugen.

Damit ist er selbst Teil der Geschichte Gottes geworden. Sein Leben ist eine Einladung an uns, es ihm nachzutun.
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