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JUNGE GEMEINDE SEIT 1886
Kurzer Abriss der Geschichte der Evangelischen
Kirche in Bretzenheim
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Von Andreas Klodt
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die ersten
Evangelischen, vorwiegend Arbeiter mit ihren Familien, ins damals noch
selbständige Bretzenheim. Eine "kirchliche Infrastruktur" ihrer
Konfession fanden sie im Dorf nicht vor. Wollten sie in die Kirche
gehen oder ihre Kinder zum Konfirmandenunterricht schicken, dann
mussten sie sich auf den Weg nach Mainz machen: St. Johannis war die
einzige evangelische Kirche für die Stadt und die noch nicht
eingemeindeten Dörfer ringsum. Erst im Jahr 1886 feierten ein
Mainzer Pfarrer und einige der mittlerweile 300 evangelischen Christen
den ersten evangelischen Gottesdienst in Bretzenheim - im Saal eines
Wirtshauses.
Damit war ein Anfang gemacht. Noch im selben Jahr
1886 wurde die Ev. Kirchengemeinde Bretzenheim gegründet, und die
vier Mitglieder des Kirchenvorstands nahmen ihre Arbeit auf,
unterstützt vom zuständigen Pfarrer, der mittlerweile jeweils
aus Mombach kam. Die wichtigste Aufgabe des Kirchenvorstands war es,
Geld für einen eigenen Versammlungsort, einen Betsaal, zu
beschaffen; an den Bau einer Kirche war bei den bescheidenen
Verhältnissen gar nicht zu denken. Mit großer Hilfe von
außen, namentlich des Gustav-Adolf- Vereins, wurde in der
heutigen Pfarrer-Veller-Straße ein neugotischer roter Ziegelbau
errichtet und 1893 eingeweiht: Der Betsaal. Vieles, was zur Ausstattung
gehörte, wurde gespendet: So das Taufgeschirr, das die reiche
Winzergemeinde Flomborn stiftete, und die Altarbibel, ein Geschenk der
höheren Töchterschule in Köthen.
Siebzehn Jahre später, 1910, folgte der Bau
des Pfarrhauses direkt nebenan in der Hochstraße. Nun konnte im
Jahre 1915 die pfarramtliche Verbindung mit Mombach aufgehoben und in
der Bretzenheimer Gemeinde endlich eine eigene Pfarrstelle errichtet
werden. Erster Pfarrer wurde 1916, mitten im Ersten Weltkrieg und noch
vom Großherzog von Hessen und bei Rhein ernannt, Karl Veller. -
Die Entwicklung jener Zeit in Kirchen- und Kommunalgemeinde spiegelt
sich in einem von der Landeskirche regelmäßig neu
aufgelegten Buch, der offiziellen Beschreibung aller Kirchengemeinden.
Hier eine Synopse der Aussagen über
Bretzenheim aus den Auflagen von 1900 und 1928: |
| Beschreibung
der evangelischen Pfarreien des Großherzogtums Hessen nach
pfarramtlichen, statistischen, sozialen, topographischen und
historischen Gesichtspunkten auf Grund amtlicher Mitteilungen.
Gießen 1900. |
Nachtrag zur
Beschreibung der evangelischen Pfarreien des Volksstaates Hessen nach
pfarramtlichen, statistischen, sozialen und historischen
Gesichtspunkten auf Grund amtlicher Mitteilungen. Gießen 1928. |
| 523 Evangelische, 2548
Katholiken, 42 Israeliten, 11 Dissidenten |
1521 Evangelische, 4045
Katholiken, 14 Adventisten, 10 Freireligiöse, 16 freie
Dissidenten, 56 Konfessionslose, 30 Israeliten |
| Gottesdienst: 14.00 Uhr,
jeden 4. Sonntag 9.30 Uhr;
Abendmahl: 6; sommers Christenlehre |
Gottesdienst 10.00 Uhr,
alle 14 Tage 11.00 Uhr;
Abendmahl: 5; sommers alle 14 Tage Katechismuslehre; jeden Donnerstag
abend 8.00 Uhr winters Bibelstunde
Ev. Verein; Jungfrauen- und Frauenverein; Jünglingsverein; 30
Adventisten, die sehr rührig und nicht ohne Erfolg agitieren |
| Bethaus, 1893 erbaut; kein
Pfarrhaus |
Betsaal, 1922 erneuert, 200
Sitzplätze; Pfarrhaus, dem Betsaal gegenüber, 1910 erbaut,
sehr ansehnlich, gesund und geräumig, in angenehmer Lage,
Zentralheizung (Heißluft); Pflanzgarten mit Kirchbauplatz,
¾ Morgen |
| ½ Stunde
südwestlich von Mainz; Lokalbahn nach Mainz; Arzt am Ort; alle
Lebensmittel am Ort;
Landwirtschaft, Taglöhner und in Mainz beschäftigte
Fabrikarbeiter; die ärmste Diasporagemeinde von Hessen; ohne
Zuwendung von außen kann die Gemeinde nicht bestehen |
elektrische Bahn 10 Minuten
nach Mainz, 35 Minuten zu Fuß zum Hauptbahnhof; mit allen
Nachbarpfarreien elektrische Verbindung; Postamt, 3 Ärzte, Zahn-
und Tierarzt am Ort, 4 ev. Lehrer; alle Bedarfsartikel vor Ort; im
rheinhessischen Hügelland, gesunde Lage; Wald 1 bzw. 3 Stunden;
meist Arbeiter, Taglöhner und kleine Beamte. Die meisten
Männer, Frauen und Mädchen arbeiten in Mainzer Fabriken und
Geschäften, was man an den Sitten deutlich merken kann |
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| Über die Anfänge des sogenannten
"Dritten Reichs" und die bewegten Jahre davor schweigt die
Pfarrchronik, in der Regel wichtigste Quelle für das "Innenleben"
einer Gemeinde, leider ganz: Der Chronist, Pfarrer Veller, hat seine
Eintragungen über die Jahre 1925 bis 1938 bei Kriegsende 1945
entfernt und vernichtet.
Nach dem Krieg war die Gemeinde zunächst ganz
mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Doch setzte bereits in den
fünfziger Jahren des 20. Jahrhundert ein verstärkter Zuzug
nach Bretzenheim ein, der die Gemeinde anwachsen ließ und
allmählich in ihrer Zusammensetzung veränderte. Als sich
schließlich Mitte der sechziger Jahre die Bebauung von
Bretzenheim-Süd mit großen Wohneinheiten abzeichnete, war
klar: Die Gemeinde würde sehr viel größer werden als
bisher. So war der Kirchenvorstand nicht zum ersten Mal mit Baufragen
beschäftigt. Man plante auf dem Gelände hinter dem Pfarrhaus
ein regelrechtes Kirchenviertel mit Kirche, Kindergarten, zweitem
Pfarrhaus, Mitarbeiterwohnungen, Gemeindezentrum und Diakoniestation.
Realisiert wurde aus Kostengründen dann allerdings nur das 1973
eingeweihte Gemeindezentrum in der Hans-Böckler-Straße. Im
Gegenzug trennte sich die Gemeinde vom Betsaal mitsamt seiner
Einrichtung, was wohl den bis dahin tiefsten Einschnitt ihrer
Geschichte bedeutete.
Heute leben ca. 5.000 evangelische Christen im
Stadtteil Bretzenheim. Das Gemeindezentrum, nach den jüngsten
Erweiterungen Bretzenheims nun in der geographischen Mitte des Ortes
gelegen, wurde im Jahr 2001 um einen Glockenturm ergänzt. Die
Gemeinde selbst definiert sich seit 1991 nicht nur über die
Zuständigkeit für einen Stadtteil, sondern hat sich bewusst
einen eigenen Namen gegeben: Ev. Philippus-Gemeinde Mainz-Bretzenheim. |
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