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Wie wird man Kardinal?
"Das ist die Anerkennung für seine Arbeit. Das hat er einfach verdient. Endlich", sagen viele Mainzer, "endlich ist Bischof Lehmann Kardinal geworden." Dabei passt der Titel Kardinal schon seit vielen Jahren auf Karl Lehmann. Denn Kardinal kommt vom lateinischen cardo. Und das heißt auf Deutsch Türangel. Eine Türangel ist das Teil, das Tür und Rahmen miteinander verbindet. Die Stelle, wo man eine Tür aus ihren Angeln heben kann.
Genau hier ist auch der Platz eines Kardinals. Denn er wirkt wie eine Türangel. Er ist ein "Scharnier Gottes": hält zusammen, verbindet und stellt Gemeinsames heraus. Das eben tut Karl Lehmann seit vielen Jahren, innerhalb der katholischen Kirche, zwischen den Konfessionen und in der Gesellschaft. Er ist darum zu Recht Kardinal geworden, und viele Menschen haben sich zu Recht mit ihm gefreut.
Seine Erhebung in den Kardinalsrang wurde natürlich groß gefeiert. Ich finde in dem Beifall und in der Begeisterung den Wunsch von Christen aller Konfessionen, es möge doch mehr Menschen geben, die sich für das Gemeinwohl einsetzen. Menschen, die den Blick für das Ganze haben und die vielen Einzelinteressen zusammendenken, statt Gräben aufzureißen. Denn davon profitieren alle.
Wir Evangelischen haben keine Kardinäle - offiziell. Wieder einmal scheint der Unterschied zur katholischen Kirche darin zu bestehen, dass wir etwas "nicht haben", ohne dass man dafür noch einen Grund wüsste. Sind wir etwa eine Art Schrumpf-Kirche, der viele Dinge einfach fehlen?
Das Gegenteil ist richtig. Weil alle Christen mit gleichen Rechten ausgestattet sind und keiner des anderen Richter ist, kennt die evangelische Kirche besondere Kardinäle dem Namen nach zwar nicht. Aber gerade die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Kardinal zeigt, warum das so ist: Türangel Gottes zu sein, das passt auf unzählige Christinnen und Christen. Ich glaube, dass Gott noch viele Türangeln, viele Kardinäle braucht - viel mehr, als es in der katholischen Kirche gibt. Denn Gott braucht Menschen, die Beziehungen wagen, aushalten und daran wachsen. Gott braucht unser aller Einsatz, damit die Welt nicht auseinanderfällt in viele große und kleine Egoismen.
Andreas Klodt
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