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Alte illustrierte Altarbibel

Auf dem Dachboden des Pfarrhauses hat Pfarrer Klodt eine schöne alte Altarbibel aus dem Jahr 1875 gefunden. Sie ist mit Stahlstichen illustriert, und es ist interessant, etwas über die Herkunft dieser Stiche zu erfahren. Heute gibt es viele Reproduktionsmethoden zur Vervielfältigung von Bildern. Vor Erfindung der Fotografie war das schwieriger. Während frühe Bibeln mit Holzschnitten illustriert wurden, kamen vom 16. Jahrhundert an auch Kupferstiche hinzu, außerdem seit etwa 1820 Stahlstiche, die immer höhere Auflagen erlaubten.

Der vorliegende Stahlstich von Ernst Dertinger, einem weniger bekannten Stuttgarter Stecher (1816-1865), hat ein berühmtes Vorbild. Raphael. Raphael (1483-1520) war schon zu seiner Zeit berühmt. Seine Gemälde, Fresken, Teppichentwürfe und Zeichnungen wurden häufig nachgestochen, und diese Reproduktionsgraphik hat zur Bekanntheit des Künstlers und seines Werks viel beigetragen.

Das hier abgebildete Motiv wurde nach einem der sogenannten Teppichkartons gestochen, also nach einer Vorlage für Wandteppiche, die sich im Vatikan befinden. Die früheste Reproduktion dieser Darstellung stammt ungefähr aus dem Jahr 1520 (Raimondi), ihr folgten zahlreiche Reproduktionen in den folgenden Jahrhunderten, manche davon sind seitenverkehrt. Der Stahlstich in unserer Bibel gibt wohl einen Stich von Nicolas Dorigny (1658-1746) wieder.

Die abgebildete Szene gehört zu einer Serie von Bildern zur Apostelgeschichte des Johannes und stellt die Rede des Paulus auf dem Areopag in Athen dar (Apostelgeschichte 17, 22 ff.). Der Apostel predigt den Athenern vom unbekannten Gott, er hebt seine Arme beschwörend wie ein Betender in die Höhe, seine Zuhörer folgen der Rede mit unterschiedlicher Beteiligung, andächtig wie die Figur links vorn, oder spöttisch; einige weiter hinten scheinen über das Gehörte zu diskutieren. Die Gebäude im Hintergrund machen die Stellung des Paulus zwischen zwei Kulturen deutlich: rechts die teilweise zerstörte Säulenhalle der Stoa Basileios, deren Verfall symbolisch den alten Götterglauben in Frage stellt; links als Zeichen des christlichen Glaubens ein neu errichteter Rundtempel nach römischem Vorbild (davor eine Marsstatue).

Dorothea Reichardt

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